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Posts Tagged ‘Didaktik’

Das Thema ist nicht neu. Ich habe hier meine mal Überlegungen neu strukturiert und eine Art Checkliste für die Umsetzung im Unterricht erstellt.

Das Prinzip des Flipped classroom war hier im Blog schon Thema. Ich habe die Methode allerdings bisher wenig eingesetzt. Würde das aber gern häufiger. Angeregt durch den Vortrag von Mareike Gloeckner auf den Jornadas Hispánicas und ihre Praxiserfahrungen habe ich Fragen zusammengestellt, die man sich vor der Umsetzung stellen sollte.

Wann lohnt es sich, den Unterricht umzudrehen?

Sicherlich immer dann, wenn der Kenntnisstand zu einem Unterrichtsgegenstand sehr unterschiedlich ist, also wenn

  • entweder ein Thema neu einsetzt und die Vorkenntnisse weit auseinander gehen
  • oder ein Thema für einige SuS bereits eine Wiederholung ist und für andere etwas Neues darstellt.

Das bedeutet für mich, dass ich diese Methode eher für Spanisch als 3. Fremdsprache einsetzen würde (da die Erfahrungen mit Fremdsprachen dort meist sehr unterschiedlich ausfallen) oder für fortgeschrittene Lernjahre von Spanisch als 2. Fremdsprache (wenn die Zusammensetzung der Gruppe sich bereits verändert oder der Lernstand sich mit der Zeit weit auseinander dividiert hat).

Welche Materialien verwende ich für die häusliche Vorbereitung?

Im Zusammenhang mit Flipped classroom ist immer von Erklärvideos die Rede. Wenn man Videos einsetzen will, hat man die Wahl,

  • entweder Videos selbst zu erstellen (mit erheblichem Aufwand verbunden, besonders bei den ersten – macht aber auch Spaß, wenn erste Ergebnisse entstehen). Erklärvideos selbst erstellen
  • oder vorgefertigte Filme zu verwenden, wobei ich bei der Art der Darstellung, der Tiefe der Behandlung oder bei Stil der Zeichnungen meistens Kompromisse eingehen muss und immer denke „Hätte ich selbst vielleicht besser, aber auf jeden Fall anders gemacht.“

Die fertigen Filme kann man auf Youtube suchen oder man besorgt sich einen Account bei Sofatutor.com. Was ich bisher nicht wusste: Man kann als Lehrkraft dort ein Jahr lang einen kostenfreien Zugang bekommen.

Andererseits steht und fällt das umgedrehte Klassenzimmer nicht unbedingt mit dem Einsatz von Videos. Ebenso gut kann man andersartiges Material verwenden: Kopien aus einem Grammatikbuch, Lexikonartikel, Websites, auf denen Informationen gesucht werden sollen. Mit all dem können SuS sich einen ersten Zugang zum Thema verschaffen.

Was mache ich mit den SuS, die ihre HA nicht gemacht haben?

Diese Methode basiert darauf, dass SuS sich zu Hause Kenntnisse aneignen, die sie im nächsten Unterricht überprüfen, vertiefen und einüben sollen. Das bedeutet, dass die Hausaufgaben eine entscheidende Konsequenz für den Unterricht haben. Deshalb sollte man sich vorher überlegen, wie man mit unvorbereiteten SuS umgeht. Denkbar ist:

  • Die Hausaufgabe könnte im Unterricht nachgeholt werden. Bei Lernvideos muss dafür sicher gestellt sein, dass die technische Möglichkeit besteht.
  • Man bildet Tandems, in dem jeweils ein vorbereiteter Schüler einem unvorbereiteten die Informationen vermittelt. Guter Nebeneffekt: Viele lernen besonders gut, indem sie Stoff an andere vermitteln.
  • Ich kann als Lehrerin ganz traditionell die Wissensvermittlung für die Unvorbereiteten und eventuell diejenigen, die sich nicht gut vorbereitet fühlen, im Unterricht nachholen. Hierfür trenne ich die Gruppe, so dass die anderen wie geplant üben können. Das ist u.U. auch eine gute Variante zum Einsteigen, weil vielleicht das selbstständige Erarbeiten von Stoff erst einmal eingeübt werden muss.

Ganz konkret: Für welche Aspekte eignet sich der Flipped classroom?

  • Wortschatzarbeit: Insbesondere in den ersten zwei Lernjahren der 2. Fremdsprache kann man viele Wortfelder spielerisch vermitteln. Hierfür gibt es gute Beispiele auf Sofatutor. (Zur Veranschaulichung der Anfang eines Sofatutorials für Farben und Kleidung.)
  • Einführung eines Grammatikkapitels (zB Formen und Anwendung des Indefinido – ein beliebiges Lernvideo bei YouTube)
  • Thematische Arbeit: Informative Videos zur Landeskunde, Geschichte oder als Hintergrundinformation zu Lektüren in der Oberstufe

In den drei Fällen kann man ein Arbeitsblatt mit zur Vorbereitung geben, damit den SuS deutlich ist, was sie sich aneignen sollen. Im anschließenden Unterricht können dann weitere differenzierte Arbeitsblätter die Lernergebnisse überprüfen.

Zwei weitere Anwendungsbereiche habe ich noch nicht getestet, sie entsprechen auch nicht dem klassischen Modell, ich stelle mir das aber lohnend vor:

  • Leseverstehen: Ein Text wird zu Hause gelesen und das Verständnis durch Stichworte oder eine Textgliederung dokumentiert. Im Unterricht werden die Stichworte in Gruppen verglichen, korrigiert, am Text verifiziert, evtl. werden gemeinsam Fragen zum Text beantwortet.
  • Hörverstehen: ebenso wie Leseverstehen, aber ausgehend von einem Hörtext, den die SuS zu Hause hören können, so oft sie wollen.

Ein ganz praktischer Tipp: Um den jeweiligen Link zur häuslichen Vorbereitung zu verteilen eignet sich die Darstellung mithilfe des QR-Codes.

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„Hattie“ sorgt in entsprechenden Kreisen für hitzige Diskussionen: In seiner Studie aus dem Jahr 2008 hat der neuseeländische Professor für Erziehungswissenschaften John Hattie mehr als 800 Metastudien ausgewertet, die wiederum über 50.000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülern zusammenfassen – alles auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Was ist guter Unterricht?

Die Studie ist in ihrem Umfang ein in der empirischen Bildungsforschung bisher einzigartiges Unterfangen. John Hattie hat eine große Menge von Prinzipien, Methoden und Annahmen der modernen Pädagogik quantifiziert und evaluiert, um die Einflussfaktoren für nachhaltigen Lernerfolg zu identifizieren. Deren Wirksamkeit drückt er durch das Effektmaß „d“ aus. Von den 138 Einzelfaktoren, die in der Forschung diskutiert und untersucht werden, haben laut Hatties Ergebnissen nur 66 einen zumindest moderaten praktischen Effekt auf den Lernerfolg.

Die Antworten, die aus dieser Studie der hervorgehen, sind vielfältig; sie entmystifizieren pädagogische Credos, stellen Dogmen der Erziehungswissenschaft in Frage und provozieren erfahrene Didaktiker. Hier nur ein paar Schlaglichter auf das, was mich als Lehrerin interessiert – eine Auswahl der meistdiskutierten Ergebnisse.

  • Die Strukturen und institutionellen Rahmenbedingungen scheinen fallen kaum ins Gewicht: Die finanzielle Ausstattung einer Schule sowie die Klassengröße haben nur wenig Einfluss auf den Wissensgewinn der Schüler.
  • Lernfortschritte von Schülern staatlicher und privater Schulen unterscheiden sich nur minimal.
  • Wichtig für den Unterricht: Klare Struktur des Unterrichts und klare Anweisungen des/der Lehrer/in.
  • Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen sind unabdingbar für guten Unterricht.
  • Dabei soll der/die Lehrer/in immer die Lernenden im Fokus haben.
  • Frontalunterricht hat seine Berechtigung – wenn die Lehrkraft ihn nicht zur Selbstdarstellung missbraucht.
  • Offener Unterricht ist meist unwirksam.
  • Sitzenbleiben hat selten Auswirkungen auf die Lernerfolge eines/r Schüler/in.

Angesichts der oben genannten Ergebnisse den Unterricht betreffend, wiegt ein Punkt umso schwerer, der ebenfalls ausgewertet wurde:

  • 48% der Lehrer/innen schätzen den Einfluss, den sie selbst auf ihre Schüler/innen haben, als gering oder nicht vorhanden ein. Nur ganze acht Prozent schreiben sich eine »sehr große« Bedeutung zu.

Wer schon davon ausgeht, nichts ausrichten zu können, wird vermutlich tatsächlich wenig guten Einfluss haben. Dabei scheint genau der Einsatz der eigenen Person ein unschätzbares Gut in der Pädagogik zu sein, das wir viel mehr nutzen müssen.

Und, mal ehrlich: Haben wir, die wir Lehrer/in sind, uns nicht genau das gewünscht? Als Person etwas bewirken zu können?

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